Was Du heute kannst besorgen …

Was Du heute kannst besorgen …

… das verschiebe nicht auf morgen! Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Merksatz aus unserer Kindheit. Und doch neigen wir dazu, unangenehme Tätigkeiten immer wieder aufzuschieben. Bei manchen Menschen kann das sogar krankhafte Züge annehmen!

Carsten ist 28 Jahre alt und freiberuflicher Grafiker. Schon bei seinem Studium hatte sich gezeigt, dass er sehr talentiert war. Nach seiner Ausbildung hatte er zwei Jahre lang in einer Werbeagentur gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Dank seiner originellen Ideen und seiner künstlerischen Begabung hatte er sich auf regionaler Ebene durchaus einen Namen gemacht. Leider genoss Carsten auch den Ruf, sich nicht immer an die vereinbarten Liefertermine zu halten …

Das lag aber nicht etwa daran, dass er zu viele Kunden hatte und sich einfach zu viel zumutete. Vielmehr hatte es damit zu tun, dass es ihm immens schwerfiel, sich entsprechend zu motivieren und sich an die Arbeit zu machen. Selbst, wenn er wusste, dass die Zeit knapp würde, fiel ihm immer wieder etwas ein, was er glaubte, tun zu müssen. Dabei waren das meist ganz banale Tätigkeiten, die wirklich absolut keine Dringlichkeit hatten!

„Mal meinte ich, endlich wieder einmal staubsaugen zu müssen. Dann wieder fand ich, dass ich mein Bücheregal ordnen oder meinen Kleiderschrank endlich einmal aufräumen müsste,“ erklärt Carsten sein damaliges Tun. „Oft fiel mir ein, dass ich schon lange etwas im Internet nachsehen wollte. Und wenn ich erst einmal zu surfen anfing, kam ich vom Hundertsten ins Tausendste und endete dann irgendwo bei Katzenvideos …“

Mit all diesen Tätigkeiten verging natürlich wertvolle Zeit, ohne dass Carsten auch nur mit einer Grafik angefangen hätte. Dass er sein Pensum dann einfach nicht mehr schaffen und ebenso wenig termingerecht liefern konnte, ist nicht weiter verwunderlich. „Leider vergraulte ich auf diese Weise so manchen Kunden – und verlor letztendlich auch den einen oder anderen …“

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Pathologisches Aufschieben hat einen Namen

„Allmählich wurde die Zahl der verärgerten und schlussendlich vertriebenen Kunden immer größer und die Umsätze immer kleiner,“ fährt Carsten fort. „Da wurde mir mehr und mehr klar, dass ich professionelle Hilfe brauchte. Ich holte mir also einen Termin bei einer Psychologin und erfuhr erstmals, dass ich kein Einzelfall war. Und mehr noch: Mein Leiden hatte einen Namen – Prokrastination!“

Der Begriff Prokrastination besteht aus der lateinischen Vorsilbe „pro“ (vorwärts) und dem Wort „crastinum“ (morgiger Tag). Darunter versteht man ein zwanghaftes und damit auch pathologisches Aufschieben. Menschen, die unter Prokrastination leiden, sind keineswegs faul. Sie schaffen es einfach nicht, das, was wirklich wichtig ist, in Angriff zu nehmen. Sie schwänzen auch nicht ihre Aufgaben und verbringen ihre Zeit lieber ganz gezielt mit Freizeitbeschäftigungen. Sie tun nebensächliche, unwichtige Dinge, weil sie sich einfach nicht überwinden können, mit ihren Vorhaben anzufangen!

Obwohl dieses Leiden von der WHO noch nicht als Krankheit klassifiziert ist, sind viele Psychologen überzeugt, dass es eine klassische Störung ist. Als ein entscheidendes Kriterium dafür sehen die Experten die Tatsache, dass den Betroffenen erhebliche Nachteile aus ihrem Handeln entstehen. Ein weiteres zentrales Merkmal einer Krankheit ist der Kontrollverlust, der sich über Monate und Jahre hinziehen kann. Wird die Störung nicht behandelt, drohen den Betroffenen nicht nur böse Konsequenzen. In weiterer Folge können sie auch in eine tiefe Depression schlittern.

Gründe für eine Prokrastination

Somit stellt sich die Frage, worin die Ursachen für diese psychische Störung liegen. Bevor diese erörtert werden, sei darauf hingewiesen, dass Prokrastination nicht in jedem Beruf möglich ist. Eine Grundvoraussetzung ist ein entsprechender beruflicher Freiraum. Daher sind von diesem Leiden vor allem Studenten, Freiberufler und Künstler betroffen – kurz: alle, die in den eigenen vier Wänden tätig sind.

Wer in einer Fabrik, einer Werkstatt, einem Büro oder einer Bank arbeitet, hat wohl keine Gelegenheit zum Prokrastinieren. Mit Sicherheit würde er von Vorgesetzten oder Kollegen zurechtgewiesen. Doch auch das verändert sich angesichts der aktuellen Pandemie, die viele Menschen ins Home-Office zwingt. Da sich nicht nur die Liebe in Zeiten von Corona verändert, sondern auch das Berufsleben, steigt die Gefahr der Prokrastination.

Psychologen meinen aber, dass drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit eine Prokrastination voll ausbricht. Erstens muss die Persönlichkeit einen Mangel an Disziplin, Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aufweisen. Zweitens muss die zu verrichtende Arbeit eine Tätigkeit sein, für welche die Motivation relativ gering ist. Und drittens müssen die Anforderungen so hoch sein, dass ein Scheitern möglich und die Angst davor groß ist.

Wie war das bei Carsten? „An der Uni tat ich mich immer leicht. Ich brauchte mich nie anzustrengen und bekam trotzdem gute Noten. Bei meiner Tätigkeit in der Werbeagentur sah ich mich erstmals mit einem umfangreicheren Pensum konfrontiert, an das ich mich nur schwer gewöhnte. Außerdem gab es immer wieder mal Kritik vonseiten der Vorgesetzten, während ein positives Feedback selbst bei tadelloser Arbeit ausblieb.“

Und Carsten weiter: „Das war dann auch der Grund, warum ich mich selbstständig machte. Ich dachte, ich könnte mein Tempo selbst bestimmen und bekäme wenigstens das Lob von den Kunden. Leider musste ich feststellen, dass beides ein Irrtum war. Je umfangreicher die Aufgaben, desto größer wurde die Angst, zu scheitern. Und dass eine abgelieferte Arbeit hochwertig ist, ist in der Arbeitswelt anscheinend eine Selbstverständlichkeit …“

Spiegel der Gesellschaft

Wie weit die Prokrastination in der Arbeitswelt verbreitet ist, wurde noch nicht ausreichend untersucht. Sehr wohl gibt es aber eine aufschlussreiche Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aus dem Jahr 2018. Die Untersuchung von Dr. Johannes Hoppe und seinem Team zeigte, dass nicht weniger als 70 Prozent der Studierenden zum Prokrastinieren neigen, 15 Prozent sogar in einem gefährlichen Ausmaß. Da kann man nicht mehr von einer Randerscheinung sprechen!

Wie entkommt man also dem Teufelskreis der Prokrastination? Die gute alte To-Do-Liste reicht da wohl nicht mehr aus – so viel steht fest! Sinnvoller ist laut Psychologen der Ansatz, dass die Betroffenen einer großen Aufgabe den Schecken nehmen. Das klappt am besten, indem sie nicht alles auf einmal machen wollen, sondern schrittweise vorgehen. Nach dem Motto: Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt!

Der zweite Ansatz sieht so aus, dass sich die Betroffenen für alles belohnen, was sie geleistet haben. Wer sich dazu überwindet, einmal anzufangen und wenigstens eine Zeit lang Einsatz zeigt, darf sich dafür auch etwas gönnen. Am besten wäre es wohl, beide Modelle miteinander zu kombinieren …

Bevor es allerdings so weit ist, müssen die Betroffenen sich eingestehen, dass sie unter einer Störung leiden, die behandelt werden muss. Wer meint, alles im Griff zu haben, wird aus dem Teufelskreis wohl kaum herauskommen. Carsten hat jedenfalls unter Anleitung seiner Psychologin eine Kombination der beiden Ansätze versucht und damit durchaus Erfolg gehabt. „Ich setze mich jetzt hin und fange an, ohne lange nachzudenken. Und bin ich beim Arbeiten erst einmal auf Touren gekommen, dann geht auch alles wie von selbst …“